“Viel Zeit bleibt uns nicht mehr” – Ringier-CEO Christian Unger über Digitalisierung und Diversifizierung

29. November 2011 § Leave a comment

Manager von Medienunternehmen neigen auf Panels und Podien gelegentlich zur Selbstverteidigung und reden ungern über ihre eigenen Versäumnisse. Nicht so Christian Unger, CEO von Ringier, dem größten privaten Medienunternehmen der Schweiz (Umsatz weltweit: ca. 1,2 Mrd. €). Auf der Kress Konferenz in Hamburg tat er sich heute mit offenen Worten hervor: “Wir befinden uns in einer digitalen Medienrevolution, die die nächsten Jahrhunderte prägen wird”, sagte er. “Die Zukunft gehört ganz klar den digitalen Medien, die Verschiebung dorthin findet jetzt statt.” Medienhäuser seien am Nabel dieser Entwicklung, die “vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks” sei, “aber haben das nicht so recht verstanden.”

// “Digitalisierung und Diversifizierung sind überlebenswichtig” //

Unger zeigte ein Chart, das die Anzeigenumsätze von Ringier (und die Gesamtumsätze) mit der konjunkturellen Entwicklung verglich – das eindeutige Bild: Die Ausschläge liegen zeitlich immer näher beieinander, und das Anzeigen-Minus übertrifft das konjunkturelle Minus jeweils um ein Vielfaches. “Wir sind in einem äußerst zyklischen Geschäft und sind abhängig von einer Entwicklung, die wir nicht steuern können.” In diesem Umfeld liege “die Kunst des wirtschaftlichen Überlebens in der Anpassungsfähigkeit.”

Der Trend gehe zu Crossmedia und der Ausweisung einer “total audience” als “überschneidungsfreie Nutzerzahl aller Medienprodukte”, wie sie die Blick-Gruppe in der Schweiz bereits vornehme (noch ohne mobile Kanäle). Das Selbstverständnis der Medienhäuser müsse sich ändern, integrierte Newsroomms seien zu schaffen. “Die Verwerfungen sind heftig. Viel Zeit haben wir nicht mehr, wenn wir nicht Technologieunternehmen das Feld überlassen
wollen. Das Veränderungstempo ist rasant.”

“Einige Probleme sind hausgemacht”, ergänzte Unger. “Fast alle Medienunternehmen haben geschlafen. Die digitalen Kleinanzeigen, warum sind die uns nicht eingefallen? Unser schönes Geschäft wurde gekillt von jungen Internet-Unternehmern und wir haben zugeschaut. Schauen wir heute immer noch zu, oder haben wir gelernt? Ich bin mir nicht sicher.” Ringier habe jetzt immerhin den Marktführer für Group Buying in der Schweiz gekauft.

Die Zukunft, sagte Unger – und da liegt er fraglos richtig – gehört den Anbietern, die auf allen Devices Mehrwert schaffen und ihr Publikum  in jeder Nutzungssituation abholen. Zu viele Medienhäuser nutzten immer noch nicht ihr Potenzial.

Geschäftlich betrachtet sei die Transformation hin zum Digitalen “unumgänglich.” Konzerne wie Schibsted, Springer und Daily Mail hätten das erkannt, ihre Überschüsse für digitale Joint Ventures und Akquisitionen genutzt und könnten jetzt die Ergebnisse dieser Strategie in Form von höheren EBIT-Margen einfahren.

Medienunternehmen müssten bereit sein, Fehler zu machen und sollten Pioniergeist zeigen.

Die fünf zentralen Ratschläge von Christian Unger an die Branche (und sein eigenes Haus):

1) Eigenes Potenzial nutzen (Inhalte, Medienkompetenz, Beziehung zu Zielgruppen, Werbern)
2) Zusätzliche Geschäftsmodelle ausprobieren, um die Wertschöpfungskette zu verlängern
3) Partnerschaften mit innovativen digitalen Anbietern eingehen, notfalls kopieren
4) Medien als Marken führen und im Zentrum der Mediennutzung stehen
5) Mut zum Risiko

Na dann, los, oder?

 

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